“Lovemobil” – Doku über Sexarbeit در Nierdersachsen: Gebraucht sein، für einen Moment

Translating…

Mitten in der Nacht, am Rand einer Landstraße in Niedersachsen, umgeben von Wäldern und Kartoffelfeldern, will einer von Rita wissen, ob sie sein Sperma schlucken will. “Kann ich deinen Kopf nehmen, ihn runterdrücken und deine Kehle ficken?”, er steht am Fenster von Ritas Wohnmobil. “Throat-Fuck”, sagt der Mann.

Rita macht die Tür auf. 100 Euro. Gebraucht werden, für einen Moment. Überm Wohnmobil geht Wind durch die Baumkronen.

Ist das hier ein Job? Oder ist es Ausbeutung?

Rita, Milena und Uschi – zwei Frauen, die für Sex Geld nehmen, und eine, die ihnen das Wohnmobil dafür stellt. Diese drei Menschen hat die Filmemacherin Elke Lehrenkrauss für ihren neuen Dokumentarfilm“Lovemobil”begleitet. Der Film stellt Fragen, dieim Deutschland der vergangenen Jahre heftig diskutiertwurden: Sind Sexarbeiterinnen unterdrückte Opfer, die es zu befreien gilt? Oder ist es bevormundend, das so zu sehen?

Drei Jahre verbrachten Lehrenkrauss und der Kameramann Christoph Rohrscheidt mit den Sexarbeiterinnen und ihrer Vermieterin, von 2015 bis 2017. An 60 Drehtagen ging die Kamera an, an noch viel mehr Tagen blieb sie aus. Reden, Vertrauen und Freundschaft aufbauen, zu allen dreien, sagt Lehrenkrauss, 40. Der Film ist ihr Debüt. Sie hat es damit in die Vorauswahl des Deutschen Filmpreises geschafft. Lehrenkrauss’ Stück hätte die Auszeichnung verdient.

Ohne sie zu verurteilen, erzählt der Film von drei Leben. Es geht um Uschi, Eigentümerin und Vermieterin von Wohnmobilen, 50 Euro pro Wagen am Tag. Es geht um Rita und Milena, Anfang 20, aus Nigeria und Bulgarien, die eines von Uschis Autos mieten, um darin mit Männern zu schlafen. Aber, das zeigt der Film, sie rauchen, telefonieren, singen, weinen, leben auch dort.

Sie waschen ihre Unterwäsche hinten, im Waschbecken des Wagens, kämmen Perücken, schauen Serien, lernen Deutsch mit Apps auf ihren Handys, und zwischendurch kommt Uschi. Uschi, graue Locken, aufgeklebte Fingernägel, fährt in einem alten Benz vor, kassiert ab und rastet meistens aus. Rita solle ihre Unterwäsche nicht draußen trocknen, Milena solle nicht lügen, sagt Uschi, und haut wieder ab.

Vermieterin Uschi, Sexarbeiterin Rita in

Vermieterin Uschi, Sexarbeiterin Rita in “Lovemobil”: Ist das hier ein Job?

C.Rohrscheidt/ E.Lehrenkrauss

Wenn Männer kommen, vor allem nachts, geschieht etwas Brutales, Intimes: Zuerst wird verhandelt, was für ein Sex, wie viel soll er kosten, dann gibt es Streicheln, Anlächeln, Hose aufmachen. All das ist im Film zu sehen, unzensiert. Wenn die Männer weg sind, sind die Frauen wieder allein mit dem Sound dieser Dunkelheit: vorbeirasendes Auto, totale Stille, rasendes Auto. Scheinwerfer werden größer und kleiner, aufkommende Angst, schwindende Chance. Dann kommt der Morgen.

Elke Lehrenkrauss und ihr Kameramann waren nah bei den Frauen, als sie erzählten. Ihre gesamte Kindheit und Jugend sei sie an den Wohnmobilen in ihrer Heimat Gifhorn vorbeigefahren, habe sich immer gefragt, was darin vor sich geht, sagt Lehrenkrauss dem SPIEGEL. Sie verließ Gifhorn, vorerst, ging studieren an Kunsthochschulen in Köln, Havanna und Luzern, machte Kurzfilme, die auf Festivals und in Museen liefen. Dann fuhr sie nach Niedersachsen zurück, um die Fragen ihrer Jugend zu bearbeiten. Sie klopfte an die Türen der Frauen.

Einige erklärten sich bereit, sich vor der Kamera zu zeigen. Auch Männer. Im Film sind ihre Gesichter unverpixelt, wenn sie nach einem “Throat-Fuck” fragen oder zu den Frauen ins Wohnmobil klettern. Zu sehen sind Männer, die sich dabei filmen lassen, wie sie Frauen wie Objekte behandeln. “Wir waren erstaunt, wie bereitwillig die Männer der Kamera zugestimmt haben”, sagt Lehrenkrauss. Dem Film habe kein Drehbuch zugrunde gelegen.

Doch eine Kamera kann schmerzhaft sein, wenn man das eigene Leben davor ausbreiten soll. Deswegen hätten sich viele Frauen, die zunächst zugestimmt hätten, wieder zurückgezogen. “Einige Frauen brachen beim ersten Interview in Tränen aus und sagten: Eines müsse sofort aufhören, entweder die Dreharbeit oder die Sexarbeit”, sagt Lehrenkrauss.

Rita und Milena blieben. Rita erzählte, wie sie von Nigeria im Boot nach Italien flüchtete und dort an Leute geriet, die sie an Uschi vermittelten. “Ich habe 99 Probleme, und Geld sind 99 davon”, sagt Rita im Film. Ihre Haut sieht weich aus, die Augen sind tief und traurig.

Milena erzählt, wie sie ihre Jugend auf der Straße verbrachte, die Mutter tot, der Vater nicht da. “Besser schlafen wir auf der Straße, als ins Heim zu gehen”, sagte sie damals zu ihrem Bruder. Damit der es gut hat, will sie jetzt hier für ihn Geld verdienen. Freiwillig, oder?

Milena in

Milena in “Lovemobil”: “Besser schlafen wir auf der Straße, als ins Heim zu gehen”

C.Rohrscheidt/ E.Lehrenkrauss

Prostitution ist in Deutschland legal – seit einem Gesetz, das 2001 unter SPD-Bundeskanzler Gerhard Schröder verabschiedet wurde. Es erlaubte Sexarbeiterinnen, am Sozialversicherungssystem teilzunehmen und ihren Lohn einzuklagen. 16 Jahre später wurde das Gesetz noch einmal angefasst: Nun verpflichtet es Sexarbeiterinnen, sich behördlich zu registrieren, regelmäßig zum Gesundheitsamt zu gehen. Und es gibt eine Kondompflicht.

Unverändert blieb der Streit. Der deutsche Frauenrat, Amnesty International, grüne und linke Politikerinnen und Politiker sowie Berufsverbände der Sexarbeiterinnen wollen die Sexarbeit schützen. Sie wollen Verpflichtungen verhindern, Diskriminierung abbauen. Daneben gibt es jene, die Sexarbeit mit Zwang und Gewalt verbinden und sie gern verbieten würden: die SPD-Bundestagsabgeordnete Leni Breymaier etwa, oder die Publizistin Alice Schwarzer. Wer hat recht?

Vom politischen Berlin bis nach Gifhorn sind es 243 Autokilometer. Mitten in der Nacht, mitten in der Gesellschaft, hier in Niedersachsen, fragt Uschi nicht nach Kondomen und auch nicht nach dem Gesundheitsamt. “Das Geschäft ist total im Arsch”, sagt sie stattdessen im Film.

Es braucht Mut, um zuzusehen, wie sehr Rita und Milena leiden und frieren und nicht in den Schlaf finden. Der Blick von Rita, als sie die Fußmatte ihres Wagens am Baumstamm ausschlägt, zusammengepresste Augen, entsetzliche Wut. Die Gespräche, die die Frauen mit ihren Müttern am Telefon führen.

Diese Männer, die von großen Titten und dicken Schwänzen reden und die Rita ins Gesicht sagen: “Ich hab ein Problem mit deiner Farbe. Du bist schwarz.” Der kurze Augenblick, wenn Autoscheinwerfer das Führerhäuschen des Wohnmobils ausleuchten, und die Frauen dann da sitzen wie Tiere im Zoo. Die Nacht, in dem eine von Ritas und Milenas Kolleginnen leblos in ihrem Wohnwagen gefunden wird.

Rita in

Rita in “Lovemobil”: “99 Probleme, und Geld sind 99 davon”

C.Rohrscheidt/ E.Lehrenkrauss

Kondompflicht, Gesundheitsamt: Die, für die die neuen Regeln geschrieben wurden, sitzen genau hier, doch haben sie nicht den Luxus, sich daran halten zu können. Im Film kommen Gesetze nicht vor. Vielleicht hat niemand den Frauen von ihren Rechten erzählt. Vielleicht haben sie nicht danach gefragt. Vielleicht haben Rita und Milena nicht einmal eine Aufenthaltserlaubnis. Es gibt keinen Plan an diesem Ort, an dem es leise schneit und Windräder langsam rotieren.

Doch der Film, den Elke Lehrenkrauss gemacht hat, zeigt nicht nur Ausweglosigkeit, er macht auch Hoffnung. Es ist möglich, die Diskussion zu führen, ohne den Frauen, um die es geht, ihre Würde zu nehmen, das zeigt Lehrenkrauss. “Wir waren ein Team”, sagt sie, und meint damit nicht sich und ihren Kameramann. Sondern sich und die, die vor der Kamera standen, auch Uschi. “Uschi hat uns behandelt, als seien wir ihre Kinder”, sagt Lehrenkrauss. Und über Rita und Milena: “Die Frauen sind Psychologinnen. Die sehen schon beim Herunterkurbeln ihres Fensters, was für eine Person du bist, welche Ambitionen du hast.”

Bevor jemand den Film zu sehen bekam, sahen die Frauen ihn. Sie hätten ihn gut gefunden, sagt Elke Lehrenkrauss. Uschi habe sich überraschenderweise nicht aufgeregt. Sie sei inzwischen in Rente, die Wohnmobile seien verkauft. Rita und Milena hätten Niedersachsen verlassen. Wohin genau und womit sie nun Geld verdienen, solle zum Schutz der Frauen geheim bleiben.

Wohnmobil in Niedersachsen:

Wohnmobil in Niedersachsen: “Die Frauen sind Psychologinnen”

C.Rohrscheidt/ E.Lehrenkrauss

Und was ist mit dem Streit in Berlin? Mit all den Fragen? Der Zuschauer muss die Antworten selbst finden.

Ist es richtig, dass das eine Geschlecht das andere kaufen kann? Nein. Hat Sexarbeit was mit Sexualität zu tun? Ja, mit der von Männern. Das ist doch keine normale, schöne Arbeit, nach einer Nacht im Bus auch noch einen Anschiss zu kriegen, von Uschi? Nein. Es ist demütigend. Aber die Frauen sind doch frei. Dann sollen sie halt gehen?

Einmal, Uschi hat gerade ausnahmsweise gute Laune, steht sie bei Rita am Wohnmobilfenster und fragt, wie es ihr geht. Rita hat keine Lust zu reden, Uschi bohrt nach, ist da wirklich nichts, was dich bedrückt?

Rita macht die Tür auf. Gebraucht werden, für einen Moment. Überm Wohnmobil geht Wind durch Baumkronen, dann erzählt Rita ihrer Vermieterin, dass sie sich vielleicht verliebt hat, in einen der Männer. Uschi schaut lieb, keine Härte mehr in ihrem Gesicht. “Ich kenne viele Mädchen”, sagt sie. “Nicht eine hat je den richtigen Typen getroffen.” Rita fragt: “Warst du jemals richtig verliebt?”

Jetzt erzählt Uschi von ihrer Vergangenheit, in der eine Menge schiefgelaufen ist, viele Puffs, viele Männer, aber dann einer, den sie wirklich liebte, mit dem sie ein Kind bekam. “Aber er hat mich betrogen”, sagt Uschi. “Mit einer Frau, in meinem Bett.” Uschi macht eine Pause, Rita schaut schockiert.

Das Leben sei eine Tasse, sagt Uschi dann. Jedes Mal, wenn was passiere, breche ein Stück heraus. “Und irgendwann ist die Tasse dann weg. Seitdem bin ich allein”, sagt Uschi. Rita nickt. Aber in diesem Moment sind sie zu zweit.

Icon: Der Spiegel

 

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